Kurz erklärt
Viele Merkmale, die mit Autismus in Verbindung gebracht werden, kommen auch bei anderen psychischen Störungen und Entwicklungsstörungen vor oder stellen Varianten der kindlichen Entwicklung dar. Deshalb gehört zur Autismusdiagnostik immer die differenzialdiagnostische Abgrenzung: Es wird geprüft, ob die Merkmale besser durch eine andere Störung erklärt werden. [1] Davon zu unterscheiden sind Begleiterkrankungen (Komorbiditäten), die zusätzlich zu Autismus bestehen können. Die Trennung zwischen beidem gilt als große Herausforderung. [1]
Warum Abgrenzung nötig ist
Wegen der hohen Symptomüberlappung mit anderen Störungsbildern hat die differenzialdiagnostische Einschätzung eine hohe Bedeutung im diagnostischen Prozess; grundsätzlich kommen alle anderen psychischen Störungen in Frage. [1] Bei diesen Störungen kommen häufig einige Merkmale vor, die denen von Autismus ähneln („autistic like traits“). Die Abgrenzung hat hohe Relevanz für die weitere Behandlung. [1]
Häufige Differenzialdiagnosen bei Kindern und Jugendlichen
Die Fachübersicht nennt als häufigste Differenzialdiagnosen im Kindes- und Jugendalter: [1]
- Intelligenzminderung beziehungsweise geistige Behinderung ohne Autismus,
- Sprachentwicklungsstörungen,
- Aufmerksamkeitsstörungen,
- Bindungsstörungen,
- soziale Angsterkrankungen,
- Störung des Sozialverhaltens.
Häufige Differenzialdiagnosen bei Erwachsenen
Im Erwachsenenalter sollte insbesondere hinsichtlich dieser Störungen abgeklärt werden: [1]
- Persönlichkeitsstörungen,
- Zwangsstörungen,
- Aufmerksamkeitsstörungen,
- affektive Störungen (zum Beispiel Depressionen),
- soziale Phobie,
- Schizophrenie.
Bei Erwachsenen ist die frühe Entwicklung oft schwer zu rekonstruieren. Hilfreich sind die Befragung von Angehörigen und die Einsicht in alte Dokumente; ohne sie ist die diagnostische Abgrenzung zu anderen Störungen kaum möglich. [1] Mehr dazu: Diagnostik im Erwachsenenalter.
Differenzialdiagnose oder Begleiterkrankung?
Ob eine Störung statt Autismus vorliegt (Differenzialdiagnose) oder zusätzlich dazu (Begleiterkrankung), lässt sich nicht immer klar trennen, zum Beispiel bei Intelligenzminderung, Sprachentwicklungsverzögerung und Aufmerksamkeitsstörungen. [1] Etwa zwei Drittel aller Menschen mit Autismus haben nach der Fachübersicht mindestens eine Begleiterkrankung. [1] Beispiele und Behandlungsfragen: Häufige Begleiterkrankungen bei Autismus und Autismus und ADHS.
Was das für dich bedeuten kann
- Das Ergebnis kann anders ausfallen als erwartet. Eine gründliche Abgrenzung kann zu einer anderen oder einer zusätzlichen Diagnose führen. Beides kann zu passender Unterstützung beitragen.
- Die Diagnostik sollte multidisziplinär sein und von spezifisch ausgebildetem Fachpersonal durchgeführt werden. [1]
- Unterlagen helfen: Berichte aus Kita, Schule oder früheren Behandlungen unterstützen die Einordnung. [1] Wie die Diagnostik abläuft: Ablauf einer Autismusdiagnostik.
Häufige Fragen
Welche Diagnosen sehen Autismus ähnlich? Bei Kindern und Jugendlichen nennt die Fachübersicht unter anderem Intelligenzminderung ohne Autismus, Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Bindungsstörungen, soziale Angsterkrankungen und Störungen des Sozialverhaltens. Bei Erwachsenen unter anderem Persönlichkeitsstörungen, Zwangsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, affektive Störungen, soziale Phobie und Schizophrenie. [1]
Was ist der Unterschied zwischen Differenzialdiagnose und Begleiterkrankung? Eine Differenzialdiagnose ist eine andere Störung, die die Merkmale besser erklären könnte; eine Begleiterkrankung besteht zusätzlich zu Autismus. Die Trennung lässt sich nicht immer klar ziehen. [1]
Kann ich Autismus und eine andere Diagnose gleichzeitig haben? Ja. Etwa zwei Drittel aller Menschen mit Autismus haben nach der Fachübersicht mindestens eine Begleiterkrankung. [1] Mehr: Häufige Begleiterkrankungen bei Autismus.
Wer klärt das ab? Die Diagnostik sollte multidisziplinär sein und von spezifisch ausgebildetem Fachpersonal durchgeführt werden. [1]
Das könnte dich auch interessieren
- Ablauf einer Autismusdiagnostik
- Diagnosekriterien bei Autismus
- Autismus und ADHS: Abgrenzung und Behandlung
Quellen und Literatur
- Höhne E, Kamp-Becker I (Klinik für KJP, Universitätsklinikum Marburg): Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie (Rosenfluh) 2024;(4+5):27–32. https://rosenfluh.ch/media/paediatrie/2024/04-05/Diagnostik-der-Autismus-Spektrum-Stoerung.pdf – Fachübersicht
Begriffe aus diesem Beitrag
- Differenzialdiagnose
- Abgrenzung von anderen Erklärungen: Es wird geprüft, ob Merkmale, die zu Autismus passen könnten, besser durch eine andere Störung erklärt werden. Davon zu unterscheiden sind Begleiterkrankungen, die zusätzlich bestehen.
Das könnte dich auch interessieren
WissensartikelDiagnostik & Diagnose
Keine Autismusdiagnose – und nun?
WissensartikelDiagnostik & Diagnose
Diagnosegespräch und Befundbericht: Was du fragen kannst
WissensartikelDiagnostik & Diagnose
Wie stabil ist eine frühe Autismusdiagnose?
WissensartikelDiagnostik & Diagnose
Erste Anzeichen bei Säuglingen und Kleinkindern
Fehler gefunden?
Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.