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Wissenschaft & Forschung

Autismus und Geschlecht in der Forschung

Für wen? Für alle, die verstehen möchten, was die Forschung zu Autismus und Geschlecht zeigt, vor allem zur Frage, warum mehr Jungen als Mädchen eine Diagnose erhalten.

Kurz erklärt

In Studien werden deutlich mehr Jungen als Mädchen mit Autismus erfasst. Eine Meta-Analyse von 2017 (54 Studien, 13,8 Millionen Personen) fand ein Verhältnis von etwa 4,2 zu 1, bei hochwertigen Studien etwa 3,3 zu 1. Die Autor:innen schlossen, dass das wahre Verhältnis näher an 3:1 liege und Mädchen ein erhöhtes Risiko haben, keine Diagnose zu erhalten. [3] Eine schwedische Registerstudie fand, dass sich das Verhältnis mit steigendem Alter bei der Diagnose angleicht. [1] Ein Review nannte als mögliche Hürden bei Mädchen und jungen Frauen unter anderem Ausgleichsverhalten und Vorurteile in der Diagnostik. [2] Warum das Verhältnis besteht, ist nicht geklärt.

Wie groß ist der Unterschied?

Eine große Übersichtsarbeit zur Häufigkeit fand im Mittel etwa 4,2-mal so viele erfasste Jungen wie Mädchen (Spannweite 0,8 bis 6,1). [4] Die Meta-Analyse von Loomes und Kolleg:innen wertete 54 Studien mit 53.712 Personen mit Autismus (43.972 Jungen, 9.740 Mädchen) aus und fand ein gepooltes Verhältnis von 4,2 (95-%-Konfidenzintervall 3,8 bis 4,6) bei sehr großer Streuung zwischen den Studien. [3] Hochwertige Studien ergaben 3,3, Studien, die die Allgemeinbevölkerung unabhängig von einer bestehenden Diagnose untersuchten, 3,25, Studien, die nur schon Diagnostizierte einbezogen, 4,6. [3] Die Autor:innen schlossen: Das wahre Verhältnis liege eher bei 3:1 als bei 4:1, und es gebe eine diagnostische Geschlechterverzerrung (Mädchen, die die Kriterien erfüllen, erhalten seltener eine Diagnose). [3]

Warum Mädchen später oder gar nicht diagnostiziert werden könnten

Eine schwedische Registerstudie mit 2.756.779 Personen fand, dass sich das Verhältnis männlicher zu weiblicher Diagnosen mit steigendem Alter bei der Diagnose annähert (bis zum Alter von 20 Jahren etwa 1,2); das spricht dafür, dass viele Mädchen und Frauen später diagnostiziert werden. [1] Warum, hat die Studie nicht geprüft.

Ein systematischer Review (20 Arbeiten, bei Mädchen und jungen Frauen unter 21 Jahren) nannte als wahrgenommene Hürden: Ausgleichsverhalten, Sorgen der Eltern, Wahrnehmung durch andere, fehlende Informationen und Ressourcen sowie Voreingenommenheit von Fachpersonen. [2] Außerdem nannte er geschlechtsbezogene Merkmale, etwa bei sozialen und kommunikativen Fähigkeiten, Beziehungen, zusätzlichen Diagnosen sowie wiederholtem Verhalten und Interessen. [2] Mehr: Frauen und Autismus: Warum die Diagnose oft später kommt, Masking: Wenn Anpassung erschöpft.

Was die Forschung selbst verzerren kann

Der Review hielt in seiner Einleitung fest, dass sich Männer- und Frauenbilder von Autismus nur schwer trennen lassen, auch wegen überwiegend männlicher Stichproben in der Forschung und wegen klinischer Instrumente, die zum männlichen Erscheinungsbild passen und für Unterschiede in der Verteilung von Merkmalen bei Frauen möglicherweise nicht empfindlich sind. [2] Hinweis: Das ist eine Wiedergabe der Einleitung des Reviews, kein eigenes Ergebnis.

Was wissen wir – was ist noch offen?

Studienbasiert (Meta-Analyse, Registerstudie, Review): Mehr Jungen erfasst; das wahre Verhältnis vermutlich niedriger; diagnostische Verzerrung wahrscheinlich; Verhältnis gleicht sich bei späterer Diagnose an. [3, Q-FYFE-2026-BMJ]

Offen:

  • Ob und wie stark biologische Unterschiede zum Verhältnis beitragen, zeigen die gelesenen Arbeiten nicht. Die Autor:innen des Reviews hielten es für möglich, dass das hohe Verhältnis teils die Ursachen von Autismus widerspiegelt. [2]
  • Die Studien betrachten meist ein binäres Geschlechtermodell; zu nicht-binären Personen und zu Geschlechtsidentität wurden hier keine Studien ausgewertet.
  • Der Review umfasste nur englischsprachige Arbeiten und wenige Studien, die Geschlechtervergleiche als Hauptfrage hatten. [2]

Was du sonst noch wissen solltest

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Quellen und Literatur

  1. Fyfe C, Winell H, Dougherty J, Gutmann DH, Kolevzon A, Marrus N, Tedroff K, Turner TN, Weiss LA, Yip BHK, Yin W, Sandin S. Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study. BMJ 2026;392. https://doi.org/10.1136/bmj-2025-084164 – Beobachtungsstudie (Register)
  2. Lockwood Estrin G, Milner V, Spain D, Happé F, Colvert E. Barriers to Autism Spectrum Disorder Diagnosis for Young Women and Girls: a Systematic Review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders 2021;8(4):454–470. https://doi.org/10.1007/s40489-020-00225-8 – Systematischer Review
  3. Loomes R, Hull L, Mandy WPL. What Is the Male-to-Female Ratio in Autism Spectrum Disorder? A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 2017;56(6):466–474. https://doi.org/10.1016/j.jaac.2017.03.013 – Systematischer Review mit Meta-Analyse
  4. Zeidan J, Fombonne E, Scorah J, Ibrahim A, Durkin MS, Saxena S, Yusuf A, Shih A, Elsabbagh M. Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research 2022;15(5):778–790. https://doi.org/10.1002/aur.2696 – Systematischer Review

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